Buchrezension Der Trafikant von Robert Seethaler

Buchrezension: Der Trafikant von Robert Seethaler

Es existieren zahlreiche Bücher über den mystischen Prozess des Erwachsenwerdens und auch Unmengen an biografischen Werken über Freud. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Eine berechtigte Frage.

Erwachsenwerden in Nazi-Zeit

Robert Seethaler schildert in seinem Roman „Der Trafikant“, der 2012 erschienen ist, die persönliche Entwicklung eines 17-jährigen naiven Milchbubis, Franz Huchel. Er wird aus den schützenden Armen seiner Mutter gerissen und von ihr höchstpersönlich nach Wien geschickt. Natürlich hegt er brieflich Kontakt mit ihr, wobei die schleichende Veränderung in der Kommunikation und folglich auch die Wandlung der Mutter-Sohn-Beziehung Seethaler hervorragend gelungen sind. Franz Huchel wird von Otto Trsnjek, einem früheren Geliebten seiner Mutter, in seiner Trafik und in sein Herz aufgenommen. Franz´ Ortwechsel setzt den Anfang seiner Entwicklung. Bittere tiefgründige Erkenntnisse aber auch süße neuartige Liebeserfahrungen stehen auf dem Speiseplan.

Sigmund Freud zeigt Schwäche

Eine Prise Sigmund Freud darf natürlich nicht fehlen. Der Stammeskunde der Trafik schließt den Franz ans Herz. Anbei setzt Seethaler einen besonderen Fokus auf die menschliche Seite des berühmten Professors. Auch die Größten unter uns können fleckige Haut, Anfälle an Schwäche und Zahnprothesen haben und sind natürlich vor Krankheiten wie Krebs nicht geschützt. Eine Tatsache, die die Geschichtsbücher zu vermindern versuchen.

Franz und seine Probleme

Im Mittelpunkt des Buches steht unser Franz, den man langsam auch als Leser lieb gewinnt. Naivität und kindliche Unreife machen anfangs seine Charme aus. Im Verlauf der Geschichte erfährt seine Persönlichkeit eine gewaltige Veränderung. Denn die Brutalität des Nazi-Regimes  kennt keine Grenzen. Freud, der durch seine Dialoge Franz´ Denken fördert, muss mit seiner Familie fliehen. Otto Trsnjek, eine Vaterfigur für Franz, wird von der Gestapo verhaftet. Auf den Schultern des Jungen lastet tonnenschwere Verantwortung. Er liebt, lacht und leidet. Ein Happy End ist ihm nicht beschert, denn Seethaler erzählt keine Märchen. Sein kohärenter Roman kennt nur einen logischen Schluss, der Betroffenheit mit sich zieht.

Auf den ersten Blick erscheint der Roman ein leichter Bissen zu sein. Es verbergen sich jedoch etliche Symbole und Denkanstöße, die des Grübelns wert sind.

Schullektüre

„Der Trafikant“ ist zurzeit eine Schullektüre: Ein Buch, zu dem nur wenige Jugendliche freiwillig gegriffen hätten. Ein Dorfjunge, der in Nazi-Österreich an Liebeskummer leidet, trifft auch nicht den Nerv der modernen Welt. Es ist verständlicherweise schwierig, sich mit ihm zu identifizieren. Nichtsdestotrotz sind Fake News und Rassismus in unserer hochaufgeklärter Gesellschaft immer noch vorhanden. Dieser Roman übermittelt seine diesbezügliche Botschaft hervorragend: Kopf einschalten und selbst nachdenken! Zudem ist dieser Roman ohne Zweifel leichter zu verdauen als Goethes „Faust“.

Über Regina Chikhacheva

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