Mossul: Schlacht um die letzte IS-Bastion – und was kommt dann?

Seit einer Woche läuft eine Großoffensive auf das irakische Mossul. Ziel ist die Befreiung der vom Islamischen Staat besetzten Stadt.

Letzten Sonntag kündigte der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi mit verheißungsvollen Worten eine kurz vor ihrer Ausführung stehende Großoffensive zur Befreiung von Mossul an. Die Stadt im Nordirak ist die letzte verbliebene Festung des Islamischen Staates, dementsprechend schwierig gestaltet sich die Rückeroberung der Stadt. Außerdem könnte die Schlacht um Mossul Hunderttausende Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwingen.

Alle gegen den IS

An der Schlacht um Mossul sind zahlreiche Gruppierungen und Nationen beteiligt, welche verschiedenste Interessen vertreten. Lediglich die Rückeroberung der Stadt aus den Händen des IS als gemeinsames Ziel verbindet die einzelnen Kriegsparteien. Somit ist die Anti-IS Koalition eher als eine Zweckgemeinschaft zur Durchsetzung unterschiedlicher Interessen als eine, auf Werten oder sonstigen Gemeinsamkeiten basierende Kooperation zu betrachten. Neben der irakischen Zentralregierung, deren Ziel in der vollständigen Wiederherstellung der Kontrolle über ihr Hoheitsgebiet besteht, beteiligen sich vor allem die kurdischen Peschmerga am Kampf gegen die Terrormiliz, primär zur Verteidigung ihrer Heimat. Unterstützt werden die Regierungstruppen von Luftschlägen sowie Bodentruppen einer US-geführten Koalition. Auch Deutschland beteiligt sich durch eine Ausbildungsmission der Peschmerga-Kämpfer indirekt am Kampf gegen den IS im Irak. Des Weiteren liegt Mossul auch im Fokus der Türkei, welche bereits in der Vergangheit Beziehungen zu dem mittlerweile in die Türkei geflohenen Gouverneur der Stadt pflegte. Zu diesem Zweck unterhält die Türkei im Nordirak Militärstützpunkte zur Ausbildung sunnitischer Freiwilliger. Dies geschieht gegen den Willen des Irak und wurde bereits mehrfach durch die dortige Regierung kritisiert. Nicht zu vergessen sind außerdem die zahlreichen Milizen sowohl sunnitischer als auch schiitischer Angehörigkeit. Letztere werden teilweise durch den Iran unterstützt.

Monatelange Vorbereitungen

Die irakischen Regierungstruppen begannen, unterstützt durch kurdische und paramilitärische Kampfverbände, bereits im April diesen Jahres ihren Vormarsch auf Mossul. Auch die Luftschläge der Internationalen Allianz gegen den Islamsichen Staat auf Mossul dauern seitdem an. Der zuvor von der Terrormiliz zerstörte Luftwaffenstütztpunkt in Qayyarah am Tigris sollte der Koalition fortan als Ausgangsbasis für Angriffe auf Mossul dienen. Auch Flüchtlingslager wurden eingerichtet, um die voraussichtlich aus Mossul fliehende Bevölkerung beherbergen zu können. Jedoch blieb auch der IS nicht untätig und errichtete Verteidigungsstellungen in Form von Tunnelsystemen, Sprengfallen sowie einem mit Öl befüllten Graben rund um die Stadt. Die Rauchentwicklung des entzündeten Treibstoffs sollte die Luftschläge auf IS-Stellungen erschweren.

Erste Erfolge mit zahlreichen Rückschlagen

Seit dem Beginn der Offensive am letzten Sonntag konnten laut der iraksichen Regierung und dem US-amerikanischen Verteidigungsministerium bereits zahlreiche, vor allem christliche, Dörfer befreit werden. Insbesondere das Läuten von Kirchenglocken in einem zuvor 2 Jahre vom IS besetzten Dorf hatte eine große Symbolkraft. Der irakische Ministerpräsident ließ verlauten, das Vorrücken auf Mossul ginge schneller voran als geplant. Jedoch sind auch einige Rückschläge nicht von der Hand zu weisen. So wurden bei einem Gegenangriff des IS in der Nähe von Kirkuk 80 Menschen getötet. Ein weiteres Vorrücken der Terroristen konnte jedoch unterbunden werden. Auch Bilder von zurückgelassenen Fahrzeugen der iraksichen Streitkräfte rufen böse Erinnerungen an die Eroberung von Mossul 2014 durch den IS hervor, als iraksiche Truppen kampflos die Stadt verlassen und den Terroristen so militärisches Gerät in großen Mengen in die Hände fallen lassen hatten. Dies sorgt für eine Verschlechterung des ohnehin schon bröckelnden Vertrauens der kurdischen Peschmerga in die Kampfkraft der irakischen Streitkräfte. Dennoch haben sich die Kurden auf ein gemeinsames Vorgehen bei der Eroberung von Mossul geeinigt und akzeptierten den Vorschlag der Regierung, nur sunnitische Kämpfer direkt in die Stadt eindringen zu lassen. Insbesondere das Fernhalten schiitischer Kämpfer, auch wenn diese auf der Seite der Regierung kämpfen, soll Verbrechen der schiitischen Milizen an der sunnitischen Bevölkerung, wie laut Amnesty International bereits bei der Eroberung von Falludscha geschehen, verhindern.

Heimtückische Kampfmethoden

Zwar lassen sich viele Dörfer kampflos von den fliehenden IS-Terroristen zurückerobern, jedoch hinterlassen diese unzählige Sprengfallen. Die meisten Verluste erleiden, mehrheitlich, kurdische Einheiten allerdings durch Selbstmordangriffe des IS. In den meisten Fällen fährt hierbei ein, mit Sprengstoff beladenes Panzerfahrzeug auf Stellungen der Peschmerga zu. Wenn dieses nicht rechtzeitg aufgehalten werden kann, können so verheerende Schäden angerichtet werden, wie in diesem Video zu sehen ist. Ein weiteres Beispiel für die hinterhältigen Kampfmethoden des IS ist die Zerstörung einer Schwefelfabrik südlich von Mossul. Die austretenden Gase verursachten zahlreiche Verletzte unter der Zivilbevölkerung und zwangen die auf dem Luftwaffenstützpunkt bei Qayyarah stationierten US-amerikanischen Soldaten zum zeitweiligen Tragen von Atemmasken.

Erhöhte Terrorgefahr in Europa durch Rückkehrer

Die Schlacht um Mossul könnte auch direkte Folgen für die europäsichen Staaten hervorrufen, schließlich kämpfen bis zu 2.500 europäische Dschihadisten in den Reihen des Islamischen Staates. Zwar wäre der Verlust von Mossul ein herber Rückschlag für den IS, schließlich wurde hier vor zwei Jahren offiziell ihr „Kalifat“ ausgerufen, jedoch würde sich der Fokus der Terroristen dann wohl auf Terroranschläge im Westen verlagern. Dies hätte in Kombination mit einer Rückkehr zahlreicher IS-Kämpfer eine massive Erhöhung der Terrorgefahr in Europa zur Folge.

Langfristiger Frieden gestaltet sich schwierig

Entgegen der propagierten Meinung, der Konflikt im Irak sei in „Gut“ (die vom Westen unterstützte irakische Regierung) und „Böse“ (der Islamische Staat) zu unterteilen, unterliegen die Verhältnisse im Irak aufgrund der Zahl an involvierten Interessensvertetungen einer höheren Komplexität. Der Irak, ein Kunstgeflecht aus Teilen des ehemaligen Osmanischen Reiches, ist aufgrund seiner Diversität an kulturellen Gruppen ein tiefgespaltenes Land.
Um die Entstehung des IS und der heutigen Lage im Irak nachvollziehen zu können, muss man sich zunächst mit den Wurzeln der interkulturellen Konflikte des Landes auseinandersetzen. Während die Kurden als eines der größten Völker ohne „eigenen“ Staat im Norden nach Unabhängigkeit streben, unterliegt der schiitisch-geprägte Süden einer interreligiös begründeten Spaltung von der hauptsächlich sunnitischen Landesmitte. Die gefühlte Benachteiligung von Teilen der sunnitischen Bevölkerung durch die schiitisch-dominierte Regierung bildete den optimalen Nährboden für die Entstehung des Islamischen Staates. Viele sahen darin eine bessere Alternative zur Politik aus Baghdad. Solange sich an dieser Einstellung nichts ändert, wird es auch nach einer militärischen Niederlage des Islamischen Staates noch genügend Sympathisanten in der sunnitischen Bevölkerung geben, um den Wiederaufbau und damit die zukünftige Stabilität des Iraks zu gefährden. Während die Schlacht um Mossul großes Medieninteresse auf sich zieht, gerät eine Beseitigung der interkulturellen Differenzen in den „befreiten“ Provinzen schnell in Vergessenheit, obwohl diese von höchster Wichtigkeit ist. Auch die internationale Gemeinschaft kann sich nicht auf ein gemeinsames Vorgehen im Irak einigen. Während die Türkei ihren Einfluss im Nordirak erweitert und von einer Restaurierung der ehemaligen osmanischen Provinz Mossul als Teil einer „Großtürkei“ träumen darf, ist der Westen mit seiner Doppelmoral in der Kurden-Frage keine Hilfe für ein dauerhaft stabiles Irak. Auch die Kooperation zwischen der irakischen Zentralregierung und den Kurden im Nordirak ist nur eingeschränkt möglich, da die irakische Regierung eine weitere Machtausdehnung der Kurden, wie bereits bei der de facto-Angliederung der Region Kirkuk an die autonome Region Kurdistan geschehen, befürchtet.
Der Islamische Staat mag militärisch zwar vernichtbar sein, jedoch nicht ihre Ideologie. Wenn die sunnitische Bevölkerung nicht integriert wird und dies auch zu spüren bekommt, wird der Irak durch eine neue Mutation des wahhabistischen Extremismus abermals in eine Spirale der Gewalt gerissen werden. Für einen dauerhaften Frieden im Irak braucht das Land die Unterstützung seiner gesamten Bevölkerung

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Quelle: Wikimedia

Wikimandia, Map of Iraq – Battle of Mosul, CC BY-SA 4.0

Andreas Dost

Andreas ist Redakteur und Korrektor bei E4SY. Er ist derzeit 17 Jahre alt und Schüler. Seine Hobbys sind Mountainbiking, Bergsport, Gaming und Fremdsprachen.

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