#wirsindmehr – Ein Konzert das polarisiert

Wir haben im heutigen Artikel uns mit den jüngsten Entwicklungen in und um Chemnitz befasst. Warum die Polizei dort einen schlechten Ruf hat und im Endeffekt Bundespräsident Steinmeier im Kontext sogar kritisiert wurde, erfahrt ihr jetzt!

Am Montagabend den 3.9.2018 wollen zahlreiche Musiker ein Zeichen gegen rechts setzen. Ort des Konzertes wieder einmal Chemnitz, welches in der jüngsten Vergangenheit Schauplatz von zahlreichen Demonstrationen und Gegenveranstaltungen zu eben diesen wurde.

Warum findet das #wirsindmehr Konzert statt?

In der Nacht am Sonntag den 26.8.2018 berichtet die Polizei Chemnitz, dass es gegen 3.15 Uhr eine tätliche Auseinandersetzung “mehrerer Personen unterschiedlicher Nationalitäten” gegeben hätte. Im Rahmen dieser tätlichen Auseinandersetzungen hätten drei Männer schwerwiegende Verletzungen erlitten. Resultierend aus diesen Verletzungen stirbt später der Chemnitzer Daniel H. und entbrennt mit seinem Tod eine Demonstrations- und Gegendemonstrationswelle. Das resultiert vor allen Dingen darin, dass als Täter einen 22-jährigen Iraker einen 23-jährigen Syrer verdächtigt werden. Noch am frühen Nachmittag ruft deshalb die „Alternative für Deutschland“ zu einer Demonstration auf. Beflügelt von dieser, versammeln sich circa 800 Demonstranten rund um das Karl-Marx-Denkmal und beginnen Auseinandersetzungen mit der Polizei und anderen Zivilisten. Ziel der Übergriffe und Bedrohungen sind vor allem Personen die, die Demonstranten für Migranten halten. Später erscheinen Videos in den sozialen Medien, in denen auf Menschen mit anderer Hautfarbe wahre Hetzjagden veranstaltet werden. Einige von ihnen erstatten Anzeige. Dass die Stadt die rechten Demonstranten als ernsthafte Gefahr einstuft, zeigt sich als das Stadtfest aufgrund von Sicherheitsbedenken vorzeitig beendet wird. Am darauffolgenden Abend findet, nur wenige Meter vom Tatort entfernt, erneut eine rechte Versammlung statt. Anstatt von 800 sieht sich die Polizei allerdings diesmal fast 6000 Demonstranten gegenüber und ist zahllos völlig unterbesetzt. Dies räumt auch der Ministerpräsident von Sachsen, Michael Kretschmer (CDU) am darauffolgenden Tag ein.  Porblematisch wird es, als sich die Masse ohne Absprache mit der Polizei in Bewegung setzt: Sprüche wie “Wir sind das Volk” werden laut. Zu allem Überfluss werden Feuerwerkskörper gezündet, Flaschen fliegen, und Reporter werden beschimpft. Aber schlimmer noch: mehrere Rechtsextreme zeigen den Hitlergruß, woraufhin die Polizei beginnt Ermittlungsverfahren gegen die betreffenden Personen einzuleiten. Auf der Gegenseite demonstrierten circa 1000 Menschen gegen rechte Gewalt. Schwierig wird es für die Polizei, diese Demonstranten von den Rechten zu trennen. Erneut eskaliert die Lage und die Polizei ist erneut überfordert. Am Ende gibt es 20 Verletzte.

Veränderung

Als dann am Samstag weitere Demonstrationen, von rechts wie von links, angekündigt werden, sieht sich die Polizei dazu gezwungen das Zweitliga-Spiel zwischen Dynamo Dresden und dem Hamburger SV abzusagen. Wie von der Bildzeitung berichtet wurde, wurden zu diesem Zeitpunkt alle verfügbaren Einsatzkräfte der Polizei in Chemnitz benötigt, weswegen eine Absage der Partie in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden nötig wurde. Insgesamt geht die Polizei am Samstag von mehr als 11.000 Teilnehmern bei den unterschiedlichen Versammlungen aus. Wobei hier 8.000 Demonstranten auf die Kundgebungen von AfD, Pegida und Pro Chemnitz und rund 3.000 auf die Gegenkundgebungen entfallen. Auf einem Parkplatz bei der Chemnitzer Johanneskirche demonstrierten hierbei zahlreiche Menschen unter dem Motto “Herz statt Hetze” gegen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt. An den Gegenprotesten nahmen auch einige Bundespolitiker von SPD, Grünen und Linken teil.

#wirsindmehr

Am 3.9.2018 erreichen die Gegendemonstrationen einen neuen Höhepunkt: unter dem Motto “#wirsindmehr” steigen neben den Toten Hosen, den Rappern von K.I.Z, die Chemnitzer Band Kraftklub auch die Gruppe Feine Sahne Fischfilet auf die Bühne und veranstalten kostenlos ein großes Open-Air-Konzert. Binnen weniger Stunden haben rund 140.000 Menschen auf die Veranstaltung reagiert und die Einladung geteilt. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilte die Veranstaltung über seine Facebook-Seite und machte somit Werbung dafür, zu dem Konzertabend mit sieben Bands hinzugehen – darunter auch die umstrittene Band „Feine Sahne Fischfilet“. Die Gruppe schrieb zu dem Konzert vorher auf Facebook: es gehe darum, “dass man auch mal ernsthaft checkt, dass Faschos keine kleine Randgruppe sind und dass die Mitte der Gesellschaft kein Problem mehr mit rechtsradikalen Positionen hat”.

Die Thematik “Feine Sahne Fischfilet”

Das die Band im Rahmen ihrer Texte nicht ganz unkritisch und damit das teilen des Bundespräsidenten einer solchen Veranstaltung schwierig ist, befand vor allem die Generalsekretärin der CDU Annegret Kramp-Karrenbauer. Diese sagte der “Welt” dazu am Montag: “Ich halte das für sehr kritisch. Denn das, was wir wollen, ist, unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat gegen Rechts zu schützen. Und wenn man das dann mit denen von Links tut, die genau in der gleichen Art und Weise auf Polizeibeamte verbal einprügeln (…), dann halte ich das für mehr als kritisch. “Die Verfassungsschützer in Mecklenburg-Vorpommern hatten bis 2016 Feine Sahne Fischfilet zwischenzeitlich wegen “linksextremistischer Bestrebungen” im Blick. Der Band wurden vorgeworfen und dass sie das staatliche Gewaltmonopol ablehne. Um den Rechtsextremismus zu bekämpfen, sei Gewalt laut der Band ein legitimes Mittel so der Vorwurf des Verfassungsschutzes. Der Song „Wut“ aus dem Jahr 2015 hat mitunter die Textzeile: „Die nächste Bullenwache ist nur ein Steinwurf entfernt“. Im Refrain geht es weiter: „Und der Hass – der steigt. Und unsere Wut – sie treibt. “Im Lied „Staatsgewalt“ von 2011 geht es auch um Gewalt gegen Polizisten: „Wir stellen unseren eigenen Trupp zusammen und schicken den Mob dann auf euch rauf. Die Bullenhelme – sie sollen fliegen. Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein und danach schicken wir euch nach Bayern, denn die Ostsee soll frei von Bullen sein.“ Vor  Annegret Kramp-Karrenbauer hatte bereits der CDU-Abgeordnete Philipp Amthor Kritik an Steinmeier geäußert. “Es gehört nicht zu den Aufgaben eines Bundespräsidenten, für Konzerte zu werben, bei denen auch linke Bands auftreten, die in ihren Texten zu Gewalt gegen Polizisten aufrufen”, sagte er der “Bild”-Zeitung.

“Rechtsexztemismus ist ein Problem, dass morgen leider nicht weg ist”

Dem Konzert tat dies jedoch keinen Abbruch: Geschätzt 65.000 Menschen kamen zu diesem Event. Der ausgelassenen Stimmung zum Trotz mahnte jedoch der Sänger der Chemnitzer Band Kraftklub, Felix Brummer, vor Beginn des Open Air: “Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet. Rechtsextremismus wird leider morgen nicht weg sein. Aber manchmal ist es wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist”.

Jonah Grütters

Jonah ist 20 Jahre alt und Redakteur bei E4SY. Er studiert Humanmedizin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Seine Freizeit verbringt er mit Kampfsport, Schwimmen, Klavier spielen, Hochschulpolitik und Gaming.

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