Glyphosat-Zulassung: Freigabe für Monsantos Gift?

Die EU ist sich weiterhin uneinig über die Verwendung von Glyphosat und hat die Abstimmung über dessen Zulassung erneut verschoben. Das Pestizid ist wahrscheinlich krebserregend und auch für weitere Umweltprobleme verantwortlich.

EU bleibt uneinig über Zulassung

Am Donnerstag diskutierten Vertreter aller 28 EU-Mitgliedsstaaten über die Neuzulassung von Glyphosat und konnten dabei erneut keine Einigung erzielen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Ergebnis einer Abstimmung zur Verlängerung der Zulassung des Pestizids unsicher, da die EU bisher keinen gemeinsamen Standpunkt finden konnte. Vor allem Italien und Frankreich zählen zu den größten Skeptikern an der Unbedenklichkeit des Pflanzenschutzmittels. Doch auch Deutschland hätte sich bei einer Abstimmung wohl enthalten, da sich die Bundesregierung uneinig über eine gemeinsame Leitlinie ist. Während das CSU-geführte Landwirtschaftsministerium und auch die Bundeskanzlerin keine Bedenken gegenüber Glyphosat hat, stellt sich die SPD gegen eine Zulassung, solange dessen gesundheitliche Auswirkungen nicht eindeutig geklärt sind. Wenn sich die Mitgliedsstaaten nicht einigen können, läuft die Zulassung für Glyphosat am 30. Juni aus. In diesem Fall gilt der Vorschlag der EU-Kommission, die Zulassung um weitere 9 Jahre zu verlängern, als abgelehnt und das Pestizid dürfte nur noch für 6 Monate verkauft werden. Auch die Restbestände müssten innerhalb von weiteren 12 Monaten verbraucht werden. Um dies zu verhindern, müsste die, für eine Verlängerung der Zulassung plädierende EU-Kommission die großen EU-Staaten überzeugen, um für eine qualifizierte Mehrheit zu sorgen. Eine solche Mehrheit erfordert mindestens 26o von 352 zu vergebenden Stimmen, wobei die Anzahl der Stimmen eines jeden Mitgliedsstaates in Abhängigkeit zu dessen Einwohnerzahl stehen. Deutschland stehen als bevölkerungsreichster Staat in der Europäischen Union 29 Stimmen zu. Deutschland hat also ein relativ hohes Gewicht bei einer solchen Abstimmung. Wird diese qualifizierte Mehrheit bei einer Abstimmung nicht bis zum oben genannten Termin erreicht, hat die EU-Kommission noch die Möglichkeit vor einen Berufungsausschuss zu ziehen. Dessen Entscheidung für oder gegen eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat wäre dann bindend.

Weltweit bedeutendstes Herbizid

In den 1970er-Jahren brachte Monsanto, einer der größten Hersteller für Saatgut und Pflanzenschutzmittel, Glyphosat unter dem Namen Roundup auf den Markt. Heute ist Glyphosat das am meisten eingesetzte Herbizid in der Landwirtschaft und im Gartenbau. Hergestellt wird es rund um den Globus, vor allem aber in China. In Ländern wie den USA oder großen Teilen Südamerikas, in denen Gentechnik in der Landwirtschaft massiv zum Einsatz kommt, werden die angebauten Pflanzen so modifiziert, dass sie eine Resistenz gegen Glyphosat entwickeln und jede andere Pflanze auf dem Acker abstirbt. Doch auch in Deutschland wird Glyphosat schätzungsweise auf rund 37 Prozent der Ackerflächen eingesetzt. Zum Einen vor der Aussaat um Unkraut abzutöten und sich so das manuelle Pflügen des Ackers zu sparen, doch auch kurz vor der Ernte, um diese von Getreide zu erleichtern. Von dem Pflanzengift werden jährlich schätzungsweise über 700.000 Tonnen hergestellt – Tendenz steigend. Doch die Landwirtschaft ist nicht das einzige Anwendungsgebiet der rund 6000 Tonnen, die in Deutschland jedes Jahr versprüht werden: Bis zu 80 Tonnen Glyphosat setzt die Deutsche Bahn ein, um das riesige Schienennetz von Unkraut zu befreien. Doch auch bei der Unkrautvernichtung auf Autobahnrandstreifen, kommunalen Flächen und sogar in Privathaushalten kommt das Herbizid zum Einsatz.

Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend

Letztes Jahr sorgte die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörende Internationale Krebsforschungsagentur IARC für Aufsehen, als sie Glyphosat und weitere Pestizide als wahrscheinlich krebserregend einstufte. Zu diesem Schluss kam die Expertengruppe nach der umfassenden Analyse zahlreicher internationaler Studien. In einem 92-seitigen Bericht fassen die Forscher zusammen, dass es eingeschränkte Belege für ein Krebsrisiko bei Menschen gibt und eindeutig nachgewiesen werden konnte, dass Glyphosat bei Tierversuchen als Karzinogen, also als krebserregende Substanz wirkt. Und das, obwohl das Bundesamt für Risikobewertung und das JMPR, eine andere Forschungsgruppe der WHO, Glyphosat als unbedenklich eingestuft hatten. Doch wie kann es sein, dass zwei Studien, die scheinbar von der gleichen Organisation stammen, zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen? Diese Frage stellte sich auch die WHO und richtete eine Task Force ein, um dies aufzuklären. Diese kam in ihrem Abschlussbericht zu dem Schluss, dass das JMPR im Gegensatz zur IARC zahlreiche Studien nicht in ihre Untersuchung mit einbezogen hat. Ausgerechnet zwei Tage vor der eigentlich geplanten Abstimmung über die Glyphosat-Zulassung am Donnerstag veröffentlichte genau diese Forschungsgruppe erneut eine Studie, die belegen soll, dass Glyphosat wohl doch nicht krebserregend sei. Das Joint Meeting on Pesticide Residues war in der Vergangenheit jedoch nicht nur WHO-intern in die Kritik geraten. So soll auch die neueste Studie unter der Leitung zweier Experten mit möglichen Interessenkonflikten gestanden haben. Diese unterhalten wohl langjährige Beziehungen zu dem Lobby-Verband International Life Sciences Institute, welcher unter anderem die Interessen des größten Glyphosat-Herstellers Monsanto vertritt. Die Unabhängigkeit dieser Kommission ist also nicht garantiert. Doch auch aus wissenschaftlicher Sicht ist das Ergebnis dieser Untersuchung fragwürdig, da man von „vertretbaren Rückständen“ ausgeht, Krebs kann prinzipiell allein durch die Existenz einer krebsfördernden Substanz entstehen, unabhängig von dessen Menge.

Die Dokumentation „Chronisch vergiftet – Monsanto und Glyphosat“ zeigt die massive gesundheitliche Beeinträchtigung der in der Nähe von Feldern lebenden argentinischen Bevölkerung. Dort wird, wie auch in anderen Teilen Südamerikas, massiv auf den Anbau von genmanipulierten Ackerpflanzen, wie zum Beispiel Soja gesetzt. Auch die möglichen Auswirkungen auf Nutztiere und Bauern in Europa, welche glyphosathaltiges Futter zu sich nehmen oder mit dem Gift hantieren, werden thematisiert.

Glyphosat gefährdet die Artenvielfalt und Bodenqualität

Doch nicht nur der Mensch oder die Landwirtschaft sind von den möglichen Folgen des Pestizids Glyphosat betroffen, sondern auch der Rest der Umwelt. So wird durch das Abtöten sämtlicher Pflanzen, also auch derer, die neben den Äckern wachsen, bestimmten Tieren in der Nahrungskette, wie zum Beispiel Vögeln, die Lebensgrundlage genommen. Gelangt das Pestizid in Gewässer, zum Beispiel über abfließendes Regenwasser, so hat dies entgegen der Aussage von Monsanto toxische Auswirkungen auf im Wasser lebende Tiere und Kleinstlebewesen. Über die direkte Umgebung der Wurzeln hat das Herbizid auch Einfluss auf Mikroorganismen und Mikronährstoffe in der Rhizosphäre des Bodens und begünstigt so zum Beispiel die Krankheitsanfälligkeit bestimmter (Kultur-)Pflanzen. Das kritisiert sogar das Bundesumweltministerium. Bestimmte Arten von Unkraut entwickeln durch den intensiven Einsatz von Glyphosat auch Resistenzen gegen das Herbizid und machen so den Einsatz von immer mehr Chemie auf den Äckern von Nöten.

Was kostet der Verzicht auf Glyphosat?

Zweifelsohne erleichtern Herbizide wie Glyphosat das Leben vieler Landwirte. Durch den Einsatz von chemischen Unkrautvernichtern spart man sich den Einsatz von herkömmlichen Methoden, wie dem Pflügen des Ackers, was viele Bauern durch verstärkte Erosion als schädlich für den Acker halten. Zahlreiche Bio-Bauern bestreiten dies jedoch und sind des Weiteren der Meinung, dass durch die Abschaffung von Glyphosat in der Landwirtschaft mittelfristig keine höheren Kosten für die Landwirte entstehen. Der Verzicht auf den Einsatz von Herbiziden würde die Entwicklung von nicht-chemischen Methoden zur Unkrautvernichtung fördern. Schon jetzt kommen im Weinanbau teilweise Agrarroboter zum Einsatz und bei erhöhtem Bedarf würden Landmaschinen-Hersteller auf solche Entwicklungen auch einen größeren Fokus legen. Nichtsdestotrotz würden die Kosten für die finanziell sowieso gebeutelten Landwirte steigen oder aber minimal die Preise für die Verbraucher. Wer also gegen Gift im Essen ist, muss eventuell höhere Lebensmittel-Preise in Kauf nehmen, um die Landwirte zu entlasten.

Breiter Widerstand gegen Glyphosat

Seit dem Aufflammen der Debatte um Glyphosat hat sich in der deutschen Bevölkerung ein breiter Widerstand gegen Glyphosat gebildet. Laut neuesten Umfragen ist ein Großteil der Menschen gegen Glyphosat. Und auch verschiedene Petitionen von Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen gegen eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat finden große Unterstützung.

Es bleibt abzuwarten, wie sich in Zukunft insbesondere die Bundesregierung zum Thema Glyphosat positioniert, worauf nicht zuletzt die in Deutschland mächtige Industrie-Lobby einen Einfluss haben könnte. Schließlich hat Bayer, einer der größten deutschen Konzerne, erst kürzlich eine mögliche Übernahme des Saatgut- und Pestizidherstellers Monsanto angekündigt. Die Chemie-Industrie ist der dritt wichtigste Wirtschaftszweig in der Bundesrepublik Deutschland. Durch das große mediale und gesellschaftliche Interesse könnten auch weitere Studien für Klarheit über die gesundheitlichen Risiken von Glyphosat sorgen. Am Ende muss man sich jedoch entscheiden, ob sich das mögliche Risiko für Mensch, Tier und Umwelt mit Profit aufwiegen lässt!

Andreas Dost

Andreas ist Redakteur und Korrektor bei E4SY. Er ist derzeit 17 Jahre alt und Schüler. Seine Hobbys sind Mountainbiking, Bergsport, Gaming und Fremdsprachen.

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