Kommentar zur Bundestagswahl: Nichts ist entschieden!

Photo: European Parliament

Viele Kommentatoren sehen die Bundestagswahl schon entschieden – Merkel bleibt im Amt.
Wahrscheinlich ist das schon – letztlich aber nicht sicher. Denn die Wahl trifft immer noch der Bürger. Und der ändert seine Meinung ständig.

Noch vor ein paar Monaten schien es, als würde sich der fortwährende Abwärtstrend der SPD in den vergangenen Jahren umkehren. Mit der Nominierung von Martin Schulz, dem ehemaligen EU-Parlamentspräsidenten, schien die SPD alles richtig gemacht zu haben. Während die SPD unter Sigmar Gabriel, 2016 noch Parteivorsitzender der SPD, in den Umfragen zwischen 20 und 23 % vor sich hin vegetierte, gelang es Schulz erstmals wieder die SPD auf Augenhöhe mit der Merkel-CDU zu führen. Teilweise überholte er Merkel sogar im Deutschland-Trend. Die Arche Merkel schien schon zu havarieren, Schulz hingegen begann zu triumphieren.

Doch dann: Das kalte Erwachen kam mit drei verlorenen Landtagswahlen.
In den Umfragen zog Merkel daraufhin wieder an Schulz vorbei, der nebenbei nicht früh genug Inhalte lieferte. Mittlerweile zeigen sich fast zwei Drittel der Deutschen wieder mit ihr zufrieden, Schulz hingegen kommt fast nur noch bei einem Viertel gut an.
Wie das Blatt sich wenden kann…

Dass das Volk allgemein relativ wankelmütig ist, d.h. schnelle Stimmungsschwankungen hat, erlebte man in den vergangenen Jahren wiederholt deutlich. Aus einer Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen wurde eine Ablehnungskultur.
Aus Flüchtlingen wurde Trump, aus Trump die frenetisch bejubelte „Soziale Gerechtigkeit“. Über Macron, Türkei-Referendum, Neuwahlen in Großbritannien und noch mehr Trump haben wir die Flüchtlinge und den Schulz-Zug schon wieder völlig vergessen.

Besonders an der Flüchtlingskrise konnte man erkennen, wie schnell ein Politiker das Vertrauen in der Bevölkerung verlieren kann und eben diesen Verlust innerhalb einen Jahres wieder völlig wettmachen kann. Dies ging mit dem Abschwellen der medialen Berichterstattung einher.
Genau so geht es Schulz momentan. Während er im Januar noch einen großen Anteil in der Tagesschau belegte und sogar noch einen eigenen Brennpunkt bekam, muss er sich jetzt damit zufrieden geben, wenn er überhaupt noch kurzzeitig in den Nachrichten auftaucht.
Merkel hingegen glänzt als Bundeskanzlerin auf der internationalen Bühne der Politik. Je mehr das Despotentrio Trump-Putin-Erdogan von sich gibt, desto mehr erscheint sie als Krisenbewältigerin. Nicht ganz zu Unrecht.
Man muss ihr zugestehen, dass sie diese Rolle als Regierungschefin in den vergangenen zwölf Jahren auch äußerst souverän und professionell ausgefüllt hat. Ihre Beliebtheit hat sie sich also schon verdient.

Dennoch behaupte ich, dass der Bundestagswahlkampf noch spannend bleibt. Zwar erscheint Merkels Sieg mehr als wahrscheinlich, aber auch sie kann sich einem politischen Stimmungswechsel nicht entziehen.
Auch ihr kann ein einziger Fehltritt in der Diplomatie zum Verhängnis werden.
Krisenherde sind immerhin in ausreichender Zahl vorhanden:
In Italien bzw. dem Mittelmeer bahnt sich ein weiteres Desaster im Zusammenhang mit den Flüchtlingen an. Der syrische Bürgerkrieg tobt immer noch. Und Erdogan will Denis Yücel immer noch nicht rausrücken.

Zudem droht noch das Kanzlerduell zwischen Merkel und Schulz. Während Schulz sich schon in seiner Zeit als EU-Parlamentspräsident als rhetorischer Könner profiliert hat, ist Merkel nicht unbedingt als mitreißende Rednerin bekannt. Muss sie ja auch nicht sein.
Aber genau darauf kommt es in einem solchen TV-Duell an.
Sowohl Armin Laschet in NRW als auch Daniel Günther in SH konnten sich in den TV-Debatten der Landtagswahlen nochmal Aufmerksamkeit verschaffen – mittlerweile sind sie alle beide Ministerpräsidenten.
Auch in der Vergangenheit konnten Merkels Herausforderer ihre Umfragewerte nach den Duellen zumindest nochmal ein bisschen stabilisieren.
Bleibt abzuwarten, ob das diesmal auch so ist.
Zumindest eines ist sicher:  Das Blatt kann sich schneller wenden, als man denkt.

Julian D.

Julian ist 17 Jahre alt und Redakteur bei E4SY. Seine Ressorts sind hauptsächlich Politik und Wirtschaft.

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