Demoskopen in der Krise

ElTres, Btw-umfragen 19, Format von JD, CC BY-SA 3.0 DE

Seit den US-Präsidentschaftswahlen sind Umfragen und Demoskopen in Verruf geraten. Doch nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland ist seitdem ein kollektives Misstrauen gegenüber Umfragen entstanden. Wir erklären, was es für verschiedene Umfragetypen gibt und welche Aussagekraft sie wirklich haben.

Glaubt man den Umfragen, ist das Vertrauen der deutschen Bevölkerung in die Medien sowie Umfragen an sich stark gesunken. So haben fast 70 Prozent (Infratest Dimap) der Deutschen wenig bis gar kein Vertrauen weder in die herkömmlichen Medien noch in die darin publizierten Meinungsumfragen. Wer bei Google nach „Umfragen“ sucht, findet beispielsweise unter den häufigsten ähnlichen Suchanfragen die Anfrage „Umfrage gefälscht“…

Doch was sind eigentlich Umfragen? Welche Typen gibt es? Wie arbeiten Demoskopen und welche Aussagekraft hat deren Arbeit eigentlich?

Die verschiedenen Umfragetypen

Umfragen sind ein Instrument der Meinungsforschung (auch: Demoskopie) zur Ermittlung von Meinungen. Wie das jeweilige demoskopische Institut dabei vorgeht, unterscheidet sich jedoch. Davon hängt auch der Aussagegehalt bzw. die Repräsentativität der jeweiligen Erhebung ab. Allgemeinhin sind vier verschiedene Umfragetypen gebräuchlich.

Bei einer Persönlichen Befragung (auch Face-to-Face) werden die Teilnehmer in kurzen oder langen Interviews befragt. In Kurzform werden diese oft mit Passanten durchgeführt. Da diese häufig mit einem kleinen Teilnehmerkreis durchgeführt werden, sollten sie eigentlich nicht der Repräsentativität, sondern häufig der Erforschung von Reaktionen auf bestimmte Produkte, Designs, Personen oder Slogans dienen. Denn meistens sind dabei Senioren überrepräsentiert – diese haben mehr Zeit. Zudem ist die Hemmschwelle für heikle Fragen in einem Face-to-Face Interview besonders hoch.

Bei einer Telefonischen Befragung können mit Hilfe von vorbereiteten Fragebögen durch Call-Center sehr einfach und vor allem sehr schnell Daten erhoben werden. Sie werden daher häufig zur schnellen Nachbefragung bei aktuellen Ereignissen (TV-Duell, etc.) eingesetzt. Abgesehen vom niedrigen Zeitfaktor sind vor allem die niedrigen Kosten ein erheblicher Vorteil. Außerdem können mit Hilfe der sogenannten Geburtstagsmethode die Teilnehmer möglichst repräsentativ ausgewählt werden. Nachteil ist jedoch auch hier, dass die Hemmschwelle bei einer persönlichen, wenn auch nur telefonischen, Befragung für heikle Fragen relativ hoch ist.

In einer Postalischen Befragung wird den potenziellen Teilnehmern ein Fragebogen zugesendet, der freiwillig ausgefüllt und zurück gesendet werden kann. Diese sind zwar relativ günstig, werden aber aufgrund der hohen Non-Response (Nichtantwortquote) immer seltener eingesetzt. Außerdem sind hier häufig Meinungsführer und Senioren überrepräsentiert.

Im Gegensatz dazu werden immer häufiger Online-Befragungen eingesetzt. Diese haben den deutlich höheren Kostenvorteil und sind zudem auch relativ schnell durchführbar. Problematisch ist jedoch die Selbstselektion der Befragten bei Umfragen auf Websites. Diese sind daher nicht repräsentativ, wenn sie nicht einer gründlichen Nachbearbeitung durch statistische Berechnungsmethoden unterzogen wurden.

Was sind „repräsentative“ Umfragen?

Häufig liest oder hört man die Floskel „in einer repräsentativen Umfrage“. Dies soll bedeuteten, dass eine Umfrage besonders aussagekräftig ist. Eine Umfrage gilt aber auch nur dann als repräsentativ, wenn es möglich ist, aus einer kleinen Stichprobe Aussagen über eine wesentlich größere Menge (Grundgesamtheit) treffen zu können. Dies trifft dann zu, wenn durch möglichst genaue Zufallsmethoden die gleiche Verteilung von Bevölkerungsgruppen (nach Geschlecht, Beruf, Stellung, etc.) auch in der Stichprobe vorhanden ist.

Besonders für die Wahlforschung ist dieser Faktor besonders wichtig, da mit einer Wahlumfrage ja eine Aussage über das Wahlverhalten der Gesamtbevölkerung getroffen werden soll.

Aber welche Aussagekraft haben die Umfragen wirklich?

Aber auch wenn Umfragen möglichst repräsentativ sind, können sie nur eine Aussage über ein Meinungsbild zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen – eine Woche später kann dies schon wieder ein ganz anderes sein. Daher kann man Umfragen auch nicht mit Prognosen gleichsetzen, geschweige denn mit Vorhersagen. Wer dies also tut, begeht einen grundsätzlichen Fehler.

Hinzu kommt auch noch, dass verschiedene Trends die Arbeit der Demoskopen gerade im Bereich der Wahlforschung erschweren.

Zum einen gibt es in neuerer Zeit immer mehr Wechselwähler und Spätentscheider. Selbst wenn diese fünf Wochen vor der Wahl eine eindeutige Parteipräferenz bei einer Umfrage abgeben, kann sich dies im Zeitraum von einer bis drei Wochen vor der Wahl verändern. Mittlerweile betrifft dies fast ein Drittel der Wähler. Grund dafür ist hauptsächlich die schwindende Parteienbindung der Bevölkerung.

Gerade im US-Wahlkampf hat sich auch noch ein weiterer Faktor herauskristallisiert, der im Zusammenhang mit dem Phänomen des stärker werdenden Rechtspopulismus immer wichtiger wird. Einige amerikanische Umfragen zeigten eine enorme Verzerrung gegenüber dem tatsächlichen Wahlverhalten. Dies hängt damit zusammen, dass viele Trump-Anhänger in persönlichen Umfragen (Telefon-Interviews, etc.) behaupteten, dass sie Hillary Clinton wählen würden. Grund dafür war, dass die öffentliche Meinung, vor allem in den Medien Donald, Trump aufgrund frauenfeindlicher Kommentare überwiegend negativ beurteilte.

Außerdem arbeiten nicht alle demoskopischen Institute wirklich professionell, was die Anzahl und Kriterien der Befragten angeht. Hinzu kommt, dass manche Institute selbst einen politisch-ideologischen Hintergrund haben, der sich auf deren Umfragen auswirken kann.

FAZIT: Umfragen nicht überbewerten!

Eigentlich ist es nicht die Schuld der Demoskopen, sondern die der Bevölkerung, die sich zu viel von solchen Umfragen verspricht, wenn Umfragen die Realität nicht punktgenau abbilden können. Schließlich bilden selbige nur den Status quo ab und nicht mehr. Zudem spielen der statistische Fehler sowie andere Fehlerquellen einen zu großen Einfluss, wenn sich der Einzelne ein zu genaues Ergebnis erhofft. Gerade im Hinblick auf den Bundestagswahlkampf sollte man sich nicht wundern, wenn die Umfragen am Ende um 2-3 % vom tatsächlichen Ergebnis abweichen. Mal sehen…

Julian D.

Julian ist 17 Jahre alt und Redakteur bei E4SY. Seine Ressorts sind Politik, Wirtschaft, Filme und Serien.

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2 Antworten

  1. Ryuk sagt:

    Wirklich gute Einschätzung der Lage. Viel neues gelernt!
    Interessant ist bspw auch, dass das Umfrageinstitut INSA immer um rund 2-3 % von den anderen Umfrageinstituten (Allensbach, Emnid, etc) abweichen, was Wahlumfragen angeht…. Nach deinem Artikel wäre das dadurch zu erklären, dass die einfach andere Methoden verwenden…?

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